Stand: 12.09.2026
Cannabis aus der Apotheke in der Schweiz bedeutet beim Pilotversuch SCRIPT einen kontrollierten Zugang für bereits konsumierende Erwachsene. Die am 7. September vorgestellten Zwischenergebnisse zeigen keinen erkennbaren Anstieg der Konsumhäufigkeit durch diesen Zugang. Zugleich gibt es Hinweise auf einen Wechsel zu rauchfreien Konsumformen. Das ist ein interessantes Argument für Regulierung, aber kein Nachweis, dass eine landesweite Legalisierung unter allen Bedingungen dieselben Folgen hätte. So ordnet es die Mitteilung der Universität Bern ein.
Für die Schlagzeile zählt ein kleines Wort: Häufigkeit. Wer unverändert oft konsumiert, kann trotzdem andere Produkte oder andere Mengen verwenden. Und wer nicht mehr ausschließlich raucht, hat nicht zwangsläufig vollständig mit dem Rauchen aufgehört. Genau diese Unterschiede entscheiden darüber, wie viel die neue Meldung tatsächlich aussagt.
Was wurde bei SCRIPT überhaupt untersucht?
Die Universitäten Bern und Luzern untersuchen eine Kombination aus nicht gewinnorientiertem Verkauf und Beratung. Beteiligt sind neun Apotheken in Bern, Biel und Luzern. Die Mitteilung nennt insgesamt 1.177 volljährige Teilnehmende, die schon vor Studienbeginn regelmäßig Cannabis konsumierten. Es geht somit um Veränderungen bei bestehenden Konsumierenden.
Die Projektbeschreibung des Berner Instituts für Hausarztmedizin erklärt den Vergleich: Eine Gruppe erhält regulierte Produkte und Beratung zur Risikominderung, die andere bezieht Cannabis zunächst weiterhin auf dem illegalen Markt. Die zufällige Gruppenzuteilung soll Unterschiede zwischen den Ausgangsgruppen begrenzen. Dadurch lässt sich ein solcher Versuch aussagekräftiger interpretieren als eine bloße Gegenüberstellung von Ländern mit verschiedenen Gesetzen.
Trotzdem wird ein ganzes Paket geprüft. Zugang, Produktkontrolle und Beratung wirken zusammen. Aus einem positiven Ergebnis lässt sich deshalb nicht herauslesen, dass allein das Apothekenschild den Unterschied macht. Für die politische Übertragung wäre entscheidend, welche Bestandteile eines späteren Angebots tatsächlich erhalten bleiben.
Welche Zahlen sind besonders aufschlussreich?
Im SCRIPT-Zwischenbericht, Version 8 vom 06.09.2026 stehen die ersten Ergebnisse nach sechs Monaten. Die Gruppen umfassten 588 und 589 Personen. Beim täglichen Cannabiskonsum gingen die berichteten Anteile von 49 auf 47 Prozent beziehungsweise von 55 auf 51 Prozent zurück. Das ist kein Hinweis auf eine durch den Zugang ausgelöste Zunahme.
Deutlicher verändert sich die Konsumform: Ausschließliches Cannabisrauchen sank in der berechtigten Gruppe von 78 auf 58 Prozent, in der Kontrollgruppe von 82 auf 78 Prozent. Teilweise wechselten Menschen zu rauchfreien Produkten, teilweise kombinierten sie diese weiterhin mit Rauchen. 20 Prozentpunkte weniger ausschließlich Rauchende sind daher nicht 20 Prozentpunkte vollständiger Rauchstopp.
Die Angaben zu Häufigkeit und Konsumform beruhen auf Selbstauskünften. Der Bericht ist noch nicht durch das übliche Peer-Review einer Fachzeitschrift gegangen. Seine Ergebnisse sind vorläufig; die grafisch dargestellten Unterschiede ersetzen keine abschließend begutachtete Analyse.
Kann jetzt jeder in einer Schweizer Apotheke Cannabis bekommen?
Nein. Der Ort der Abgabe ist keine allgemeine Verkaufserlaubnis. Das Bundesamt für Gesundheit zu den Pilotversuchen beschreibt zeitlich und örtlich begrenzte wissenschaftliche Ausnahmen. Ihre gesetzliche Grundlage gilt seit dem 15. Mai 2021. Sie sollen untersuchen, wie ein kontrollierter Zugang ausgestaltet werden könnte. Eine einzelne Studie führt nicht automatisch ein neues landesweites Marktmodell ein.
Nach den Teilnahmeregeln des BAG müssen Teilnehmende unter anderem volljährig und urteilsfähig sein, bereits Cannabis konsumieren, im betreffenden Kanton wohnen und schriftlich zustimmen. Minderjährige sowie Schwangere und Stillende sind ausgeschlossen; ebenso Menschen mit einer diagnostizierten Erkrankung, bei der Cannabis kontraindiziert ist.
Für deutsche Besucher entsteht daraus kein allgemeiner Zugang für einen Einkaufsausflug. Ebenso wenig kann die Studie als Begründung dienen, Produkte an andere weiterzugeben. Das BAG beschränkt Studienprodukte auf den Eigengebrauch der Teilnehmenden. Wissenschaftliche Teilnahme, medizinische Versorgung und freier Einzelhandel sind drei unterschiedliche Dinge.
Warum gehört Beratung zur Regulierung dazu?
Kontrollierte Abgabe kann mehr verändern als die Bezugsquelle. Das BAG nennt geprüfte Produktqualität, Informationen zu Risiken und geschultes Personal als Bestandteile der Versuche. Hinzu kommen Schutzvorgaben und ein Werbeverbot. Ein Etikett soll nachvollziehbare Informationen vermitteln; es darf nicht das Gefühl erzeugen, ein reguliertes Produkt könne grundsätzlich nichts anrichten.
Die SCRIPT-Seite zu den Zwischenergebnissen beschreibt auch qualitative Interviews. Befragte schätzten transparente Inhaltsstoffangaben, Verlässlichkeit und die professionelle Umgebung. Gleichzeitig wünschten sich einige mehr Auswahl und vertiefte Beratung. Rückmeldungen des Apothekenpersonals zeigen, dass praktische Schulungen etwa zu Geräten und E-Liquids ebenfalls eine Rolle spielen.
Solche Interviews erklären mögliche Abläufe und Schwierigkeiten. Sie sind keine repräsentative Abstimmung über die beste Drogenpolitik. Für die Umsetzung sind sie trotzdem nützlich: Eine verständliche Beratung braucht Zeit, Fachwissen und einen Rahmen, in dem unangenehme Fragen ohne Beschämung gestellt werden können. Das gilt gerade dann, wenn jemand Probleme bemerkt und Unterstützung sucht.
Sind Vaporizer und Cannabis-Vapes damit gesundheitlich unbedenklich?
Nein. Die technische Unterscheidung ist entscheidend: Ein Kräuter-Vaporizer erhitzt Pflanzenmaterial, während andere Geräte Flüssigkeiten oder Extrakte verarbeiten. Dass Produkte im Alltag ähnlich heißen, macht ihre Zusammensetzung und Risiken nicht gleich. In der Open-Mind-Kategorie für Vaporizer findest du den Geräte- und Zubehörkontext; die SCRIPT-Ergebnisse sind kein Wirksamkeits- oder Sicherheitsnachweis für einzelne Shopmodelle.
Health Canada erläutert die Risiken inhalierter Cannabisprodukte: Beim Verbrennen entstehen zahlreiche schädliche Stoffe. Auch Aerosole können Schadstoffe enthalten; bei entsprechenden Produkten kommen Verunreinigungen aus Materialien oder Extrakten infrage. Gerätequalität und Produktqualität müssen deshalb getrennt beurteilt werden. Weniger Verbrennungsbelastung bedeutet nicht, dass jede Form des Verdampfens sicher wäre.
Daneben bleiben die Wirkstoffrisiken. Die kanadischen Empfehlungen zur Risikoreduktion berücksichtigen unter anderem THC-Stärke, häufigen Konsum und besonders verletzliche Personengruppen. Ein anderes Gerät beseitigt weder mögliche Beeinträchtigungen noch das Risiko einer Abhängigkeit. Wer häufiger konsumiert als geplant oder trotz Problemen weitermacht, braucht eine ehrliche Bestandsaufnahme und gegebenenfalls professionelle Unterstützung.
Was lässt sich daraus für Deutschland ableiten?
Vor allem eine Forschungsfrage: Welche konkrete Regulierung verbessert welche konkreten Ergebnisse? Die deutschen Regeln müssen dafür separat betrachtet werden. Die FAQ des Bundesgesundheitsministeriums zum Cannabisgesetz unterscheiden privaten Eigenanbau und Anbauvereinigungen vom medizinischen Bereich. Ein Schweizer Pilotversuch ändert diese Rechtslage nicht.
Auch die deutsche Bilanz zur Cannabis-Legalisierung beantwortet andere Fragen als ein begrenzter Apothekenversuch. Bevölkerungsdaten können Entwicklungen über viele Gruppen zeigen; ein kontrollierter Versuch kann eine bestimmte Maßnahme genauer prüfen. Die Ergebnisse sollten sich ergänzen. Sie gegeneinander als endgültigen Beweis für oder gegen jede Legalisierung auszuspielen, würde die unterschiedlichen Untersuchungen verzerren.
Für künftige Bewertungen wären getrennte Maßstäbe sinnvoll: Wie entwickelt sich problematischer Konsum? Was passiert bei Jugendlichen? Werden Risiken verständlich kommuniziert? Bleiben Menschen mit Problemen erreichbar? Ein einziger Gesamtwert kann diese Fragen nicht ersetzen.
Wie ordne ich das als Simon ein?
Ich befürworte die vollständige Legalisierung und verbindliche Regulierung aller Drogen. Für mich gehören dazu nachvollziehbare Konzentrationen, Chargenanalysen, Warnhinweise, Jugendschutz, geeignete kindersichere Verpackungen und Rückverfolgbarkeit. Diese Position ist meine politische Überzeugung. Sie wird durch eine Cannabisstudie weder abschließend bewiesen noch auf jede andere Substanz übertragbar.
An einem regulierten Modell interessiert mich, ob Menschen verlässliche Informationen und Hilfe bekommen, ohne sich dafür verstecken zu müssen. Gleichzeitig möchte ich wissen, wo es scheitert. Auch Ergebnisse, die meiner Erwartung widersprechen, gehören auf den Tisch. Eine faire Legalisierungsdebatte braucht beides: die Bereitschaft, Verbote zu hinterfragen, und die Bereitschaft, konkrete Regeln an ihren Folgen zu messen.
Welche Fragen bleiben häufig offen?
Nein. Die vorgestellten Ergebnisse sprechen für eine weitgehend stabile Konsumhäufigkeit im untersuchten Rahmen. Eine allgemeine Aussage über jede Legalisierung oder die konsumierte Gesamtmenge wäre zu weitgehend.
Nein. Die Teilnahme setzt Volljährigkeit und bereits bestehenden Konsum voraus. Ob eine andere Marktregel neue Menschen zum Konsum bringt, braucht zusätzliche Forschung.
Nein. Die bewilligten Pilotversuche untersuchen nichtmedizinischen Konsum. Medizinische Cannabisbehandlung folgt einem anderen Rahmen. Der Verkaufsort allein erklärt den Zweck nicht.
Nein. Häufigkeit, Menge, Wirkstoffstärke und Konsumform sind verschiedene Größen. Wer Produkte wechselt, kann weiterhin häufig konsumieren oder Rauchen und rauchfreie Formen kombinieren.
Ja: 51 Ereignisse bei 45 Personen, verteilt auf beide Gruppen. Viele betrafen medizinische Eingriffe oder bestehende Erkrankungen. Bei einem Ereignis blieb ein Interventionszusammenhang offen; die unabhängige Bewertung stand aus. Das sind keine 51 nachgewiesenen Cannabisfolgen. Quelle: Zwischenbericht, Seite 33.
Er verbessert die Transparenz über das Produkt. Ob und wie jemand beeinträchtigt wird, hängt aber nicht allein vom Etikett ab. Geprüfte Zusammensetzung und gesundheitliche Unbedenklichkeit sind unterschiedliche Aussagen.

























