Haben Drogen das Leben verbessert oder verschlechtert? Die ehrliche Antwort ist weder ein pauschales Ja noch ein pauschales Nein. Es hängt von der Substanz, dem Muster des Konsums, der psychischen Verfassung, dem Umfeld, der Rechtslage und vor allem davon ab, was nach der Erfahrung passiert.
Auf der TRYP Expo in Berlin habe ich Menschen genau diese Frage gestellt. Manche sprachen über neue Perspektiven, bessere Selbstreflexion oder das Gefühl, aus einer festgefahrenen Phase herauszukommen. Andere erzählten von Abhängigkeit, Kontrollverlust und der Erkenntnis, dass eine scheinbar hilfreiche Strategie irgendwann zum Problem wurde. Das Video ist kein wissenschaftliches Stimmungsbild – aber es macht sichtbar, wie widersprüchlich echte Biografien sein können.
Die Frage im Video: Bereicherung oder Verschlechterung?
In meinem TRYP-Video geht es nicht nur um die „beste legale Droge“. Im Kern geht es auch um eine viel wichtigere Frage: Was bleibt, wenn die akute Wirkung vorbei ist? Hat eine Erfahrung etwas im Leben geöffnet, geklärt oder verändert? Oder hat sie Beziehungen, Gesundheit, Finanzen und Alltag eher beschädigt?
Vier Gespräche, vier sehr unterschiedliche Perspektiven
Lionel Schibli: Fliegenpilz als persönliche Zäsur – mit offenem Interessenkonflikt
Ganz am Anfang des Videos ist Lionel Schibli, bekannt als fliegenpilzking, zu sehen. Sein Satz „Wenn du siegen willst: Fliegenpilz“ ist zugespitzt, aber seine persönliche Erzählung dahinter ist ernst gemeint: Er beschreibt Fliegenpilz als eine Erfahrung, die ihm nach eigener Darstellung geholfen habe.
Zur Einordnung gehört aber unbedingt: Lionel ist nicht nur Interviewgast, sondern betreibt unter der Marke fliegenpilzking auch ein kommerzielles Projekt rund um das Thema. Seine Erfahrung kann deshalb interessant sein, ist aber keine unabhängige Empfehlung und kein medizinischer Wirksamkeitsnachweis. Gerade bei Produkten, an denen jemand wirtschaftlich beteiligt ist, sollte man persönliche Begeisterung und belastbare Evidenz sauber auseinanderhalten.
Jascha Renner: eine ironische Antwort, die man im Kontext verstehen muss
Jascha Renner, Gründer von SET & SETTING, antwortet auf die Frage, ob Drogen sein Leben verbessert oder verschlechtert hätten, erst einmal trocken mit „verschlechtert“. Im Video wirkt das klar ironisch. Wer nur kurz hineinschaut, könnte den Ton aber falsch verstehen.
Der Kontext: Jascha arbeitet seit Jahren öffentlich zu Psychedelika, Aufklärung und Set & Setting. Seine Szene-Erfahrung ist kein Beleg dafür, dass Substanzen für alle hilfreich sind. Sie zeigt eher, wie wichtig Einordnung, Vorbereitung und die Frage sind, ob jemand eine Erfahrung später wirklich in den Alltag integriert – statt nur die nächste zu suchen.
Nicolai Binner: viele Zeremonien sind keine wissenschaftliche Abkürzung
Comedian Nicolai Binner erzählt im Video von Reisen zu Schamanen und von mehr als 100 Ayahuasca-Zeremonien. Das ist eine außergewöhnliche persönliche Geschichte, keine allgemeine Empfehlung zur Häufigkeit oder zu einem bestimmten Ritual.
Ich teile nicht jede öffentliche Position, die Nicolai vertritt. Gerade deshalb finde ich es sinnvoller, über Inhalte zu sprechen als Menschen wegzusortieren. Meine persönliche Haltung ist, dass auch kritische Stimmen zu Corona-Maßnahmen in einer offenen Debatte Platz haben müssen. Das ersetzt keine Faktenprüfung und macht persönliche Grenzüberschreitungen nicht automatisch richtig. Es heißt nur: Widerspruch ist etwas anderes als Cancel Culture.
Für die Frage dieses Artikels ist Nicolais Beispiel vor allem deshalb interessant: Viel Erfahrung klingt zunächst nach Kompetenz, kann aber auch zu einer Identität werden, in der die nächste außergewöhnliche Erfahrung zu wichtig wird. Wer aus spirituellen, therapeutischen oder sozialen Gründen konsumiert, sollte sich regelmäßig fragen, ob dadurch im Alltag wirklich mehr Stabilität, Verantwortung und Verbindung entstehen.
Ahmet Deniz: der Wert einer Erfahrung liegt nicht nur im Erlebnis selbst
Ahmet Deniz arbeitet bei SET & SETTING als Leiter der Akademie und Kursentwickler. Im Gespräch beschreibt er, dass ihm eine Solo-Erfahrung mit MDMA persönlich viel gebracht habe. Das ist seine individuelle Erfahrung, keine Anleitung zur Selbstbehandlung.
Der wichtige Punkt daran: Selbst wenn jemand eine Erfahrung als hilfreich empfindet, sagt das noch nichts darüber aus, ob sie für eine andere Person sicher oder sinnvoll wäre. MDMA kann gesundheitliche Risiken haben, etwa durch Überhitzung, Kreislaufbelastung und psychische Nachwirkungen. Die Forschung zu MDMA-gestützten Therapieansätzen findet zudem in klar strukturierten, professionell begleiteten Settings statt – das ist nicht dasselbe wie eine private Solo-Erfahrung.
Was sagt die Wissenschaft zu Psychedelika und Lebensqualität?
Die Forschung liefert keine einfache Antwort auf die Frage „Machen Drogen glücklicher?“. Sie untersucht konkrete Substanzen, bestimmte Gruppen und klar definierte Bedingungen. Bei klassischen Psychedelika gibt es Hinweise auf mögliche positive Veränderungen bei Wohlbefinden, Lebenszufriedenheit, psychischer Flexibilität oder Sinnempfinden. Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit kommt zu diesem Ergebnis, betont aber zugleich, dass es größere, längere und besser kontrollierte Studien braucht.
Auch naturalistische Langzeitbefragungen zu Psilocybin berichten im Durchschnitt über verbesserte Selbstberichte zu Wohlbefinden und psychischer Gesundheit. Das kann spannend sein, beweist aber keine Kausalität: Teilnehmende entscheiden sich selbst für die Erfahrung, erwarten häufig positive Effekte und unterscheiden sich möglicherweise schon vorher von Menschen, die nicht teilnehmen.
Umgekehrt dokumentiert die Forschung auch schwierige Nachwirkungen. Eine systematische Übersicht zu psychedelischen „Afterglow“-Effekten erfasst nicht nur positive Bereiche wie Stimmung oder Lebensqualität, sondern auch Angst, Manie, Psychose, Substanzmissbrauch und andere problematische Folgen. Bei Alkohol, stimulierenden Substanzen und vielen Formen von regelmäßigem oder eskalierendem Konsum ist die Schadenslage ohnehin deutlich. „Natürlich“, „legal“ oder „therapeutisch interessant“ bedeutet nicht automatisch risikoarm.
Die entscheidende Frage lautet: Was passiert danach?
Für mich ist nicht entscheidend, ob jemand eine beeindruckende Erfahrung hatte. Entscheidend ist, was daraus folgt. Wird jemand im Alltag ehrlicher, verbindlicher und stabiler? Werden Beziehungen besser? Sinkt Leidensdruck? Oder wachsen Ausreden, Rückzug, finanzielle Probleme und der Wunsch, immer wieder aus dem Alltag auszusteigen?
Diese Perspektive verhindert zwei schlechte Erzählungen zugleich: die Panik, nach der jede Erfahrung zwangsläufig ruiniert, und den Hype, nach dem jede Erfahrung automatisch heilt. Persönliche Berichte können wertvoll sein. Sie werden aber erst dann wirklich nützlich, wenn sie auch Ambivalenz, Nebenwirkungen und Grenzen enthalten.
Meine Einordnung: Ehrliche Regulierung statt Hype oder Tabu
Ich bin für eine transparente Regulierung, die Erwachsene nicht mit absurden Produktkategorien und Grauzonen behandelt. Dazu gehören klare Inhaltsstoffe, ehrliche Warnhinweise, Jugendschutz, Forschung und niedrigschwellige Hilfe bei problematischem Konsum. Eine offene Regulierung darf aber nicht zu einem Wellness-Marketing werden, das Risiken kleinredet.
Der Satz „Drogen haben mein Leben verbessert“ kann wahr sein. Der Satz „Drogen haben mein Leben verschlechtert“ kann genauso wahr sein. Beides verdient eine nüchterne Sprache. Wenn du wissen willst, welche legalen Substanzen die Besucher der TRYP am häufigsten nannten, lies auch meinen Artikel Was ist die beste legale Droge? Das sagen Psychonauten auf der TRYP. Meine persönliche Rangliste findest du außerdem hier: Top 10 legale Drogen 2026 – Wirkung, Risiken & Ranking.
Häufige Fragen: Drogen und Lebensqualität
Quellen und weiterführende Links
- Systematische Übersicht: Psychedelika und Wohlbefinden
- Prospektive naturalistische Psilocybin-Studie
- Systematische Übersicht zu subakuten Effekten klassischer Psychedelika
- WHO: Alkohol und gesundheitliche Schäden
- NIDA: Risiken von MDMA
- SET & SETTING: Team
























