Wie gefährlich sind Drogen? Wiesn-Interviews im Faktencheck

Simon Ruane interviewt eine Besucherin auf dem Oktoberfest über Alkohol und andere Drogen
Simon Ruane, OpenMind Autor und Aufklärer
Geschrieben von

Simon Ruane

YouTuber · Aufklärer · 500.000+ Abonnenten

Inhaltlicher Kopf hinter OpenMind. Bekannt aus ZDF 13 Fragen, VICE, funk und Stern. Sachliche Aufklärung zu psychoaktiven Substanzen, Pflanzenheilkunde und bewusstem Konsum – im Sinne von Harm Reduction.

Profil ansehen

Alkohol ist eine Droge – und seine gesellschaftliche Akzeptanz sagt wenig über seine Gefährlichkeit aus. Beim Vergleich mit Cannabis, LSD oder Kokain müssen wir aber genauer werden: Geht es um eine tödliche Vergiftung, Abhängigkeit, psychische Krisen oder Schäden für andere? Je nach Frage fällt die Antwort anders aus.

Genau diese Unterscheidung geht in Diskussionen schnell verloren. Bier gilt als Kulturgut, andere Substanzen gelten pauschal als „harte Drogen“. Wissenschaftlich ist das keine brauchbare Sortierung. Ein Stoff kann Tradition haben und trotzdem erhebliche Schäden verursachen. Und eine andere Substanz kann in einzelnen Bereichen weniger riskant sein, ohne deshalb harmlos zu werden.

Die Oktoberfest-Frage: Bier ja, Drogen nein?

Für mein Open-Mind-Video „Oktoberfest Doppelmoral 2026 – Wiesnbesucher über Drogen & Kiffen“ habe ich Besucher gefragt, ob Drogen auf der Wiesn okay sind. Die Gespräche zeigen, wie unterschiedlich Menschen Alkohol, Cannabis und Psychedelika bewerten. Das Originalvideo ist hier eingebettet; anschließend ordne ich die wichtigsten Aussagen anhand wissenschaftlicher Quellen ein.

„Die einzige Droge, die hier konsumiert werden darf, ist Bier.“

Interviewgast im Video, ab 1:19

Der Satz bringt den Widerspruch ziemlich gut auf den Punkt. Später fällt eine ebenso ehrliche Erklärung: „So bin ich groß geworden. So bin ich sozialisiert.“ (ab 11:38). Das ist nachvollziehbar: Was wir als normal erleben, fühlt sich oft weniger bedrohlich an.

Mehr Offenheit: Alkohol wird als Droge erkannt

Was mich bei diesen Interviews besonders gefreut hat: Meinem Eindruck nach sind die Leute inzwischen deutlich offener für die Erkenntnis, dass Alkohol auch eine Droge ist. Das spreche ich im Video ab 18:28 an. Auch Menschen, die am Anfang besonders kritisch reagieren und Alkohol erst einmal als Ausnahme behandeln, lassen sich durch Nachfragen zum Nachdenken bringen.

Warum soll ausgerechnet Alkohol eine Sonderstellung haben? Woran machen wir die Gefährlichkeit einer Droge fest? In den Gesprächen erlebe ich, dass solche Fragen etwas bewegen. Manche überdenken ihre erste Antwort und merken selbst, wie schwer sich die gewohnte Trennung begründen lässt. Mein Eindruck ist, dass das häufiger passiert als bei früheren Interviews. Deshalb finde ich es wichtig, Leute nicht nach ihrer ersten skeptischen Reaktion abzuschreiben. Diese Offenheit macht mir Hoffnung für eine ehrlichere Diskussion über Drogen.

Das ist meine persönliche Wahrnehmung aus den Gesprächen. Eine Straßenumfrage ist keine repräsentative Studie. Sie zeigt einzelne Reaktionen, keine belastbare Quote darüber, was „die Bayern“ denken. Den gesellschaftlichen Konflikt habe ich bereits im Oktoberfest-Kommentar von 2025 aufgegriffen. Hier geht es genauer um die Frage, welche Risikovergleiche die Forschung tatsächlich trägt.

Wie lässt sich die Gefährlichkeit von Drogen vergleichen?

„Welche Droge ist am gefährlichsten?“ klingt nach einer einfachen Rangliste. Tatsächlich stecken mehrere Fragen darin:

  • Akute körperliche Gefahr: Kann der Stoff eine lebensbedrohliche Vergiftung auslösen?
  • Abhängigkeit: Wie stark begünstigt er Kontrollverlust und wiederholten Konsum?
  • Langfristige Schäden: Welche Erkrankungen können mit wiederholtem Konsum zusammenhängen?
  • Psychische und indirekte Risiken: Was ist mit Panik, Psychosen, Unfällen oder gefährlichem Verhalten?
  • Schäden für andere: Welche Folgen entstehen etwa für Familien, Verkehr und Gesundheitsversorgung?

Außerdem macht es einen Unterschied, ob wir einen einzelnen Konsumvorgang oder die Belastung einer ganzen Gesellschaft betrachten. Gesamtzahlen hängen auch davon ab, wie verbreitet eine Substanz ist. Für die persönliche Situation zählen zusätzlich Vorerkrankungen, Häufigkeit, Menge, tatsächlicher Inhalt und Umfeld. Eine Rangliste kann diese Fragen strukturieren. Sie kann sie nicht für jeden Menschen beantworten.

Drogen-Ranking nach Nutt: Warum Alkohol weit oben steht

Die bekannte Lancet-Analyse von Nutt, King und Phillips (2010) bewertete 20 Drogen im britischen Kontext anhand von 16 gewichteten Kriterien: neun für Schäden beim Konsumenten, sieben für Schäden bei anderen. Ein Expertengremium kombinierte dafür Evidenz und fachliche Einschätzungen.

Ausgewählte Gesamtschadenswerte nach Nutt et al. (2010): gewichtete Modellpunkte, keine Prozentwerte
SubstanzGesamtscore
Alkohol72
Heroin55
Crack-Kokain54
Kokain27
Cannabis20
LSD7
Psilocybinhaltige Pilze6

Alkohol lag insgesamt vorne, besonders wegen der Schäden für andere. Bei den Schäden für Konsumenten führten Crack, Heroin und Methamphetamin. 72 Punkte bedeuten weder 72 Prozent Todesrisiko noch, dass ein Bier gefährlicher wäre als jeder Heroinkonsum. Gewichtung, Verbreitung und gesellschaftliche Bedingungen beeinflussen das Ergebnis. Die Werte stammen aus 2010; sie sind keine aktuelle deutsche Risikomessung.

Alkohol: Vertraut heißt nicht ungefährlich

Im Video wird darüber diskutiert, ob man überhaupt an Bier sterben könne (ab 2:07). Medizinisch entscheidend ist der enthaltene Alkohol. Eine schwere Alkoholvergiftung kann Atmung und andere lebenswichtige Funktionen beeinträchtigen und tödlich verlaufen. Das beschreibt das US-Forschungsinstitut NIAAA ausdrücklich.

Ob bei einem bestimmten Fest in einem bestimmten Jahr Todesfälle dokumentiert wurden, beantwortet diese grundsätzliche Frage nicht. Eine erfolgreiche medizinische Versorgung macht eine Vergiftung nicht harmlos.

Die WHO beziffert die weltweit alkoholbedingten Todesfälle für 2019 auf rund 2,6 Millionen. Gemeint sind neben unmittelbaren Vergiftungen auch Erkrankungen und Verletzungen. Das ist eine globale Schätzung für dieses Bezugsjahr, keine Oktoberfest-Statistik und keine Zahl für 2026. Ethanol wirkt psychoaktiv, kann abhängig machen und ist mit zahlreichen gesundheitlichen Schäden verbunden.

Dazu kommt Krebs: Laut WHO Europa verursacht Alkohol mindestens sieben Krebsarten. Auch geringe Mengen können das Risiko erhöhen; mehr Konsum bedeutet grundsätzlich mehr Risiko. „Bier ist ein Genussmittel“ widerlegt das nicht. Genuss beschreibt, wie jemand etwas erlebt. Er hebt die Wirkung eines Stoffes auf den Körper nicht auf.

LSD: Geringes Suchtpotenzial ist keine Unbedenklichkeitsgarantie

Im Gespräch ab 6:42 behauptet ein Besucher, LSD mache abhängig. Die europäische Drogenagentur EUDA beschreibt LSD dagegen als nicht abhängigkeitsauslösend und nennt zugleich mögliche schwere Panikreaktionen und Wahrnehmungsstörungen. Für den Vergleich heißt das: LSD hat ein sehr geringes klassisches Abhängigkeitspotenzial. Daraus folgt nicht, dass jeder Umgang damit unproblematisch ist.

Kann man an LSD sterben?

Meine Formulierung im Video, man könne an LSD nicht sterben (ab 21:55), ist zu absolut. Die wissenschaftlich sinnvollere Aussage lautet: Die direkte körperliche Toxizität von LSD gilt als vergleichsweise gering; lebensgefährliche Verläufe im Zusammenhang mit Konsum sind damit nicht ausgeschlossen.

Nichols und Grob (2018) untersuchten fünf als LSD-Toxizität diskutierte Todesfälle. Sie beschrieben sehr unterschiedliche Konstellationen, darunter massive Überdosierungen, körperliche Fixierung und eine mögliche Verwechslung mit einer anderen Substanz. Ihr Review erläutert außerdem seltene Todesfälle durch Unfälle oder Suizid im Zusammenhang mit psychischen Ausnahmesituationen. Das passt nicht zu einer pauschalen „Null Risiko“-Botschaft.

Was zeigen moderne Psychedelika-Studien?

Eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse in JAMA Psychiatry (2024) wertete verwertbare Nebenwirkungsdaten aus 114 Studien mit 3.504 Teilnehmern aus. Schwere unerwünschte Ereignisse wurden bei gesunden Teilnehmern nicht berichtet, bei Menschen mit vorbestehenden neuropsychiatrischen Erkrankungen bei etwa vier Prozent. Ein berichtetes Ereignis ist dabei nicht automatisch durch die Substanz verursacht.

Die Autoren bemängeln eine häufig unvollständige Erfassung. Untersucht wurden verschiedene klassische Psychedelika in Forschungs- und Behandlungsumgebungen; die Zahl ist keine allgemeine LSD-Risikoquote. Vorauswahl, Betreuung und kontrollierte Bedingungen unterscheiden sich erheblich von einem vollen Festzelt. Schon im Video sage ich ab 5:49, dass ich dort niemandem LSD empfehlen würde.

Die Ergebnisse zu LSD-25 lassen sich zudem nicht einfach auf neue LSD-Derivate oder andere Research Chemicals übertragen. Eine ähnliche Bezeichnung ersetzt keine eigene Sicherheitsforschung. Diese Unterscheidung ist auch für OpenMind Market relevant; ergänzend findest du unsere Risikohinweise zu LSD-Derivaten.

Cannabis: Weniger Gesamtschaden bedeutet nicht risikofrei

Cannabis wird im Video häufig zusammen mit LSD als Gegenstück zum Bier behandelt. Medizinisch sind das unterschiedliche Substanzen. Bei Cannabis verdienen insbesondere problematischer Konsum und psychische Risiken Aufmerksamkeit.

Die EU-GEI-Fall-Kontroll-Studie von Di Forti und Kollegen (2019) verglich 901 Menschen mit einer ersten psychotischen Episode mit 1.237 Kontrollpersonen. Täglicher Konsum hochpotenten Cannabis war gegenüber Nie-Konsum mit einer adjustierten Odds Ratio von 4,8 verbunden (95-Prozent-Konfidenzintervall: 2,5–6,3).

Das ist ein deutlicher Zusammenhang, aber weder eine 48-Prozent-Wahrscheinlichkeit noch der Beweis, dass jede Psychose in dieser Gruppe durch Cannabis ausgelöst wurde. Eine Beobachtungsstudie kann mögliche Störfaktoren nicht vollständig ausschließen. Die Studie zeigt besonders, warum Häufigkeit und THC-Gehalt für die Risikoeinordnung relevant sind.

Auch Entzug ist real: Eine Metaanalyse von Bahji und Kollegen (2020) fand bei regelmäßig oder abhängig konsumierenden Menschen häufig Entzugssymptome. Die Schätzungen unterschieden sich stark zwischen Bevölkerungs- und Behandlungsstichproben. Daraus lässt sich keine einheitliche Quote für alle ableiten, die irgendwann Cannabis probiert haben. Eine andere oft vermischte Frage behandeln wir separat: Macht Cannabis aggressiv? Was die Studien dazu zeigen.

Warum Mischkonsum den Vergleich verändert

Einzelne Stoffe zu vergleichen reicht nicht, wenn sie gemeinsam konsumiert werden. Im Video kommt dieser Punkt ab 20:51 zur Sprache. Gerade Alkohol wird leicht aus der Rechnung gestrichen, weil er selbstverständlich dazugehört.

Ein systematischer Review von van Amsterdam und Kollegen (2024) beschreibt beim gemeinsamen Konsum von Kokain und Alkohol zusätzliche Risiken für tödliche Herz-Kreislauf-Komplikationen. Dabei entsteht unter anderem Cocaethylen. Die Ergebnisse zu einzelnen Beschwerden waren uneinheitlich; eine exakte persönliche Risikoquote lässt sich daraus nicht berechnen. Der praktische Punkt bleibt: Alkohol macht Kokain nicht berechenbarer.

Auch Alkohol zusammen mit Opioiden oder beruhigenden Medikamenten kann eine Überdosierung begünstigen, weil sich dämpfende Wirkungen auf lebenswichtige Funktionen verstärken können (NIAAA). Bei Bewusstlosigkeit, Krampfanfällen oder auffälliger Atmung: 112 rufen und die Person nicht allein lassen. „Ausschlafen lassen“ ist bei Verdacht auf eine Vergiftung keine sichere Lösung.

Wie ich die Doppelmoral sehe

Mich stört, wenn jemand Alkohol mit Tradition verteidigt, andere Drogen aber allein wegen ihres Images ablehnt. Wer Risiken als Begründung anführt, sollte für alle Stoffe dieselben Fragen stellen. Das gilt auch für meine eigenen Aussagen: Eine zugespitzte Antwort im Interview ersetzt keine präzise Einordnung.

Ich befürworte die Legalisierung und verbindliche Regulierung aller Drogen für Erwachsene. Das ist meine politische Position, kein Ergebnis, das sich automatisch aus einer Tabelle ableiten ließe. Für mich gehören dazu Jugendschutz, nachvollziehbare Inhaltsstoffe, Konzentrationsangaben, Chargenanalysen und klare Warnhinweise. Ob eine konkrete Regelung Schäden senkt, muss an ihren tatsächlichen Folgen geprüft werden.

Als Betreiber von OpenMind Market habe ich einen wirtschaftlichen Bezug zum Thema. Gerade deshalb müssen Studiengrenzen auch dann im Text stehen, wenn sie schlecht in eine Verkaufsbotschaft passen. Ein niedrigerer Schadenswert ist kein Gütesiegel für irgendein Shopprodukt. Gute Aufklärung hält beides aus: Alkohol ernst nehmen und andere Substanzen differenziert betrachten.

Häufige Fragen zur Gefährlichkeit von Drogen

Ja. Der enthaltene Wirkstoff Ethanol beeinflusst das zentrale Nervensystem und kann abhängig machen. Dass Bier oder Wein kulturell akzeptiert sind, ändert daran nichts.

Das hängt vom untersuchten Schaden ab. Im Gesamtschadensmodell von Nutt et al. (2010) lag Alkohol vorne. Das ist keine Rangliste der tödlichen Gefahr eines einzelnen Konsumvorgangs.

Bei klassischer Abhängigkeit und direkter körperlicher Toxizität unterscheiden sich die Stoffe deutlich. LSD kann dennoch psychische Krisen und indirekte Gefahren auslösen. „Weniger riskant in einem Bereich“ bedeutet nicht „sicher für jeden“.

Ein pauschales Urteil lässt wichtige Unterschiede verschwinden. Cannabis kann problematischen Konsum und Entzug mit sich bringen; häufiger Konsum mit hohem THC-Gehalt ist mit erhöhten Psychose-Odds verbunden. Alkohol hat wiederum erhebliche körperliche und gesellschaftliche Risiken.

Nein. Ausgewählte Teilnehmer, kontrollierte Substanzen und professionelle Betreuung begrenzen die Übertragbarkeit. Auch unvollständig berichtete Nebenwirkungen erschweren verlässliche Aussagen zu seltenen Schäden.

Eine rechtliche Einordnung ersetzt keine medizinische Risikobewertung. Auch frei erhältliche Stoffe können schädlich sein. Neue Substanzen können zudem erhebliche Forschungslücken haben.

Recherche-Stand: 7. Oktober 2026. Die Studien und Behördenquellen sind jeweils an der zugehörigen Aussage verlinkt. Zitate und Zeitmarken beziehen sich auf das oben eingebettete Originalvideo.

Vertrag widerrufen