Nehmen Menschen psychoaktive Substanzen wirklich nur zum Feiern, Eskalieren und „sich wegballern“? Wenn man sich die Open-Mind-Community-Studie 2026 anschaut, ist die Antwort ziemlich klar: nein. In den Daten sieht man sehr deutlich, dass Substanzkonsum für viele Menschen auch mit Psyche, ADHS, Depression, Schlaf, Trauma, innerer Unruhe und Selbstmedikation zusammenhängt.
Und genau das macht diesen Teil der Umfrage so spannend. Weil er ein Bild zeigt, das in der öffentlichen Drogendebatte oft fehlt. Da gibt es meistens nur zwei Schubladen: Entweder „Drogen sind böse und machen alles kaputt“ oder „Psychedelika heilen alles und öffnen dein drittes Auge“. Die Realität der Community ist viel widersprüchlicher. Viele Menschen haben gute Erfahrungen, viele haben schlechte Erfahrungen, und sehr viele bewegen sich irgendwo dazwischen.
Open Mind Community-Studie 2026
Das ist keine repräsentative Deutschland-Studie. Aber genau wie beim 1BP-LSD-vs.-1FE-LSD-Vergleich ist die Gruppe für diese Frage trotzdem interessant: Es sind Menschen, die sich aktiv mit Substanzen beschäftigen und ehrlich genug waren, auch unangenehme Dinge anzugeben.
Was andere Studien dazu sagen
Unsere Daten stehen mit diesem Muster nicht komplett alleine da. Es gibt schon länger Forschung zur sogenannten Selbstmedikations-Hypothese: Also zur Idee, dass Menschen Substanzen nicht nur aus Spaß konsumieren, sondern auch, um psychische Belastung, unbehandelte Symptome oder fehlende Versorgung irgendwie selbst zu regulieren.
Eine nationale US-Auswertung von Harris und Edlund aus dem Jahr 2005 fand zum Beispiel, dass Substanzkonsum je nach ungedecktem Bedarf an psychischer Versorgung unterschiedlich verteilt war und die Ergebnisse mit der Selbstmedikations-Hypothese vereinbar sind. Die Studie schlussfolgerte auch, dass rechtzeitige psychische Behandlung möglicherweise helfen könnte, spätere Substanzprobleme zu verhindern (Harris & Edlund, 2005).
Auch bei Psychedelika gibt es Umfragedaten, die in eine ähnliche Richtung zeigen, aber mit wichtiger Einschränkung. Eine große Online-Studie mit 2.510 Menschen, die mindestens eine psychedelische Erfahrung hatten, fand rückblickend Verbesserungen bei Depression, Angst und Wohlbefinden. Gleichzeitig berichteten 13 Prozent mindestens einen Schaden durch psychedelische Nutzung (Raison et al., 2022). Das passt ziemlich gut zu unserem Bild: Für manche Menschen sind Substanzen mit Entwicklung, Einsicht oder Entlastung verbunden, aber es gibt eben auch reale Risiken.
Spannend ist außerdem, dass neuere Daten nicht einfach nur in die „Psychedelika helfen immer“-Richtung gehen. Eine longitudinale Studie zu naturalistischem Psychedelika-Konsum fand 2025 eher ein gemischtes Bild: Psychedelika-Nutzung war insgesamt mit einem kleinen Anstieg depressiver Symptome verbunden, besonders wenn die Erfahrung in einem Risikokontext stattfand, also etwa mit schlechter mentaler Ausgangslage oder ohne psychologische Unterstützung (Simonsson et al., 2025). Genau deshalb ist Set, Setting und psychische Stabilität nicht irgendein spirituelles Extra, sondern ein echter Sicherheitsfaktor.
Auch die starke ADHS-Spur in unseren Daten wirkt nicht völlig zufällig. Eine schwedische Registerstudie mit über 5,5 Millionen Erwachsenen fand, dass erwachsenes ADHS deutlich häufiger mit psychiatrischen Komorbiditäten verbunden war, darunter auch Substanzgebrauchsstörungen, Depression, Angst und bipolare Störungen (Chen et al., 2018). Unsere Community-Daten sind viel kleiner und anders erhoben, aber die Richtung ist nicht absurd: ADHS, mentale Belastung und Substanzthemen hängen in vielen Datensätzen enger zusammen, als man vielleicht gerne hätte.
Die wichtigste Zahl: Nur 25,3 Prozent sagen „rein rekreativ“
Eine der stärksten Fragen in der Umfrage war: Glaubst du, dass dein Substanzkonsum mit deiner mentalen Gesundheit zusammenhängt?
Konsum und mentale Gesundheit
Das heißt: Nur etwa ein Viertel sagt klar, dass es rein um Freizeit, Spaß oder Party geht. Fast die Hälfte sagt „teilweise“ und 21,6 Prozent sagen sogar ausdrücklich, dass sie bewusst zur Selbstmedikation konsumieren.
Ich finde diese Zahl wichtig, weil sie viel erklärt. Wenn man über Substanzen redet, redet man fast nie nur über Substanzen. Man redet über Menschen, die schlafen wollen. Menschen, die nicht mehr so viel grübeln wollen. Menschen, die sich endlich normal fühlen wollen. Menschen, die sich selbst besser verstehen wollen. Und ja, manchmal auch Menschen, die vor Problemen weglaufen.
ADHS und Depression sind extrem häufig in der Community
Bei der Frage nach erhaltenen oder vermuteten Diagnosen waren Mehrfachantworten möglich. Deshalb addieren sich die Werte nicht auf 100 Prozent. Trotzdem ist das Ranking ziemlich eindrucksvoll.
Häufigste Diagnosen oder Vermutungen
ADHS/ADS und Depression liegen beide bei 44,2 Prozent. Sucht oder Abhängigkeit wurde von 31,4 Prozent genannt. Angststörung oder Panikattacken von 22,1 Prozent. Das ist natürlich nicht „die normale Bevölkerung“. Das ist eine Community, in der sich viele Menschen für Bewusstsein, Substanzen, Selbstoptimierung, Eskapismus, Heilung, Rausch und Grenzerfahrungen interessieren.
Aber genau deshalb sind die Daten spannend. Vielleicht sind psychoaktive Substanzen für viele Menschen nicht der Anfang des Problems, sondern ein Versuch, mit einem Problem umzugehen, das vorher schon da war. Manchmal klappt das. Manchmal macht es alles schlimmer. Häufig ist es wahrscheinlich beides, je nach Substanz, Situation, Dosis, Lebensphase und Ehrlichkeit zu sich selbst.
Selbstmedikation ist besonders hoch bei Trauma, Schlafproblemen und Schmerzen
Wenn man nur auf die Menschen schaut, die bestimmte Diagnosen oder Vermutungen angegeben haben, wird es noch deutlicher. Besonders hohe Werte für bewusste Selbstmedikation gibt es bei PTBS/Trauma, chronischen Schmerzen, chronischen Schlafstörungen und Autismus-Spektrum.
Bewusste Selbstmedikation nach Diagnosegruppe
Das ist ein harter Punkt, weil man ihn leicht falsch verstehen kann. Daraus folgt nicht: „Nimm Substanzen gegen Trauma.“ Daraus folgt eher: Viele Menschen mit Trauma, Schmerzen oder Schlafproblemen suchen sich sowieso Wege, um irgendwie klarzukommen. Die Frage ist dann nicht, ob Menschen versuchen werden, ihren Zustand zu verändern. Die Frage ist, ob sie dabei informiert, ehrlich und möglichst risikoarm vorgehen.
Welche Substanzen hängen mit schlechterem mentalem Zustand zusammen?
Ich habe außerdem geschaut, wie der aktuelle mentale Zustand bei Menschen aussieht, die bestimmte Substanzen im letzten Jahr konsumiert haben. Die Skala ging grob von sehr schlecht bis sehr gut. Auch hier: keine Kausalität. Wenn Menschen mit schlechterem Zustand häufiger Benzodiazepine oder Opioide konsumieren, heißt das nicht automatisch, dass diese Substanzen den Zustand verursacht haben. Es kann auch sein, dass Menschen mit schlechterem Zustand eher zu solchen Substanzen greifen.
Substanzen mit niedrigerem Mental-Score
Benzodiazepine ohne Rezept: 3,43 vs. 3,84
Methamphetamin: 3,46 vs. 3,84
Opioide ohne Rezept: 3,46 vs. 3,84
Opioide allgemein: 3,53 vs. 3,87
Vergleich: Konsumenten der Substanz vs. Nicht-Konsumenten, Skala 1 bis 5.
Substanzen mit leicht höherem Mental-Score
DMT / Ayahuasca: +0,10
Klassisches LSD: +0,09
Psilocybin-Pilze: +0,08
Microdosing: +0,05
Auch hier gilt: Das beweist keine positive Wirkung. Es kann auch Auswahl-Bias, Lebensstil oder Konsumkontext sein.
Das Muster ist trotzdem interessant: Die problematischeren Werte liegen eher bei Substanzen, die stärker mit Betäubung, Abhängigkeit oder hartem Alltagscoping verbunden sind. Psychedelika liegen in dieser Auswertung nicht niedriger, sondern minimal höher. Aber daraus jetzt eine Heilsbotschaft zu machen, wäre zu billig. Psychedelika können für manche Menschen extrem wertvoll sein und für andere völlig überfordernd.
Die Schattenseite: Bad Trips, Abhängigkeit und medizinische Hilfe
Die Community ist nicht naiv. Viele haben nicht nur schöne Erfahrungen gemacht. 48,6 Prozent berichten von einem Bad Trip, aber nichts Ernstes. 18,6 Prozent sagen, sie hatten oder haben Probleme mit Abhängigkeit. 4,1 Prozent mussten medizinische Hilfe in Anspruch nehmen.
Schlechte Erfahrungen
Das ist für mich einer der Gründe, warum Open Mind nicht einfach nur „Substanzen sind geil“ sein darf. Ja, viele Substanzen sind faszinierend. Ja, viele Verbote sind irrational. Ja, es gibt viel Heuchelei rund um Alkohol, Medikamente und illegale Drogen. Aber es stimmt auch: Menschen können sich mit Substanzen schaden. Und wenn man das nicht ehrlich mitsagt, wird Aufklärung zur Werbung.
Harm Reduction ist noch lange nicht selbstverständlich
Bei Harm Reduction sieht man gleichzeitig Fortschritt und riesiges Potenzial. 17,8 Prozent sagen, sie nutzen immer Maßnahmen wie Testkit, Set & Setting oder Tripsitter. 30,4 Prozent machen es manchmal. Aber 21,2 Prozent sagen „Nein, nie“ und 14,3 Prozent wissen nicht, was Harm Reduction ist.
Der wichtigste praktische Punkt
Wenn Konsum mit mentaler Gesundheit zusammenhängt, dann ist Harm Reduction nicht irgendein Extra für Nerds. Dann ist sie der Unterschied zwischen „ich experimentiere bewusst“ und „ich stolpere blind in etwas hinein, das größer ist als ich“.
Gerade bei Menschen mit Depressionen, Angst, Trauma, Schlafproblemen oder Suchtgeschichte sollte der Satz nicht sein: „Nimm einfach Substanz X.“ Der Satz sollte eher sein: Kenn deine Lage. Kenn deine Risiken. Teste, was testbar ist. Misch nicht dumm. Mach Pausen. Konsumiere nicht aus akuter Verzweiflung. Und wenn du merkst, dass du nicht mehr steuerst, sondern gesteuert wirst, hol dir Hilfe.
Fazit: Viele nehmen nicht nur Drogen, sie suchen einen Ausweg
Für mich ist dieser Teil der Open-Mind-Community-Studie einer der wichtigsten. Nicht, weil er eine einfache Antwort liefert. Sondern weil er zeigt, dass Substanzkonsum oft ein Symptom einer viel größeren Geschichte ist.
Manche Menschen konsumieren aus Neugier. Manche aus Spaß. Manche für Spiritualität. Manche, weil sie sich selbst besser verstehen wollen. Und manche, weil sie psychisch leiden und irgendeine Form von Erleichterung suchen.
Die ehrliche Position liegt wahrscheinlich in der Mitte: Substanzen sind weder reine Dämonen noch magische Heilmittel. Sie sind Werkzeuge, Risiken, Verstärker, Fluchtwege, Spiegel und manchmal auch Fallen. Wer über Drogen redet, muss deshalb auch über Psyche reden. Alles andere ist zu oberflächlich.
FAQ
Zeigt die Studie, dass Drogen psychische Krankheiten verursachen?
Nein. Die Umfrage zeigt Zusammenhänge, aber keine Kausalität. Wenn bestimmte Gruppen häufiger bestimmte Substanzen konsumieren, kann das viele Gründe haben: Selbstmedikation, Lebensstil, Vorerfahrungen, Szene, Verfügbarkeit oder bereits bestehende Probleme.
Wie viele aus der Community konsumieren zur Selbstmedikation?
21,6 Prozent sagen ausdrücklich, dass sie bewusst zur Selbstmedikation konsumieren. Weitere 48,8 Prozent sehen zumindest teilweise einen Zusammenhang zwischen Substanzkonsum und mentaler Gesundheit.
Welche Diagnosen wurden am häufigsten genannt?
ADHS/ADS und Depression wurden jeweils von 44,2 Prozent genannt. Danach folgen Sucht/Abhängigkeit mit 31,4 Prozent und Angststörung/Panikattacken mit 22,1 Prozent.
Sind Psychedelika laut Studie gut für die Psyche?
So einfach ist es nicht. In den Daten haben Menschen mit LSD-, Psilocybin- oder DMT-Erfahrung keinen schlechteren mentalen Durchschnittswert, teils sogar minimal höhere Werte. Das beweist aber keine heilende Wirkung und ersetzt keine professionelle Hilfe.
In den nächsten Auswertungen geht es unter anderem darum, welche Substanzen die Open-Mind-Community insgesamt am häufigsten nimmt, wie politische Orientierung mit Konsummustern zusammenhängt und was die Daten über Harm Reduction zeigen.

